EIN MANN, EIN SCHWEIN.

Nikolaus Eberstaller ist der Mann mit dem Schwein. Jeder braucht so seinen Identifier. Das deutsche Edelschwein Marie Cochon ist seiner. Eberstaller ist ein Ösi mit Wein anbauendem Cousin. Eberstaller spricht viel von Beuys. Eberstaller findet, die meiste Ahnung von Kunst haben Juristen. Und den miesesten Geschmack haben Zahnärzte. Eberstaller hat nie einen „Stil“ gehabt. Mit diesem Damoklesschwert von einst schlagen ihn Kritiker heute zum Ritter. Eberstaller ist ein Künstler, der sich selbst mehr als Medium begreift, und einer, der die Klappe aufreißt. Eberstaller ruft auf. Die Gesellschaft zum Hinsehen und Teilnehmen, seine Künstlerkollegen zur Demut. Eberstaller glaubt: Kunst ist normal.

Marie Cochon am Burgtor (Wien)

„Eigentlich“, findet er, „ist gerade jetzt die beste Zeit für Kunst.“ Seit jeher hätten Krisen die Menschen kreativ gemacht. Er spricht von Kriegen und Bankencrashs. Als 2008 die amerikanische Immobilien-Blase platzte, da hätte es so richtig losgehen können. „Aber es passierte nichts!“ Eberstaller ärgert sich. Nicht wie ein trotziges Kind, dem einer den Lolli unter der Nase weggeschnappt hat, sondern wie einer, der an etwas glaubt. Eberstaller glaubt an die Kraft der Kunst.Ein Dreivierteljahr haben er und seine künstlerische Partnerin Barbara Eberstaller-Wendelin daran gearbeitet, das Schwein Marie stadtfein zu machen. „Wir wollen, dass die Sau die Performance-Künstlerin ist und wir die Assistenten“, klärt Eberstaller gleich mal die hierarchischen Strukturen. Anders könne es nicht funktionieren. „Wir sind doch selbst nicht frei von Gier.“ Um Gier nämlich geht es bei dem Scheine schmausenden Schwein.Als sie damals mit Marie nach Wien gefahren sind, um sie das erste Mal „spazieren zu führen“, war unklar, wie die Menschen reagieren würden. Sicherheitshalber gingen sie zur Polizei und meldeten eine Demonstration an – „Gegen die Gier“. Bepackt mit einem Sack voll Geldscheinen, eskortiert von Polizisten und unter den Augen verdutzter Innenstadt-Bummler zog Eberstaller dann das Schwein im Glaskasten durch Wien. Er muss grinsen, wenn er sich an eine alte Dame erinnert, die einen der Beamten antippte und fragte: „Herr Inspektor, dürfen die das denn?“.60.000 Geldscheine sind an diesem Tag geflogen. Natürlich keine echten. Die brauchte es aber auch gar nicht. Die Leute seien richtig auf dem Boden herumgerobbt, um sich einige Scheinchen zu greifen. „Sie erniedrigen sich, obwohl die Scheine keinen wirklichen Wert haben“, sagt Eberstaller. „Das ist die Macht der Symbolik.“ Marie teilt ihr ballastoffreiches doch nährstoffloses Futter. Welch wundervoll groteskes Bild.Eberstallers Währung heißt „Honey“ („Home Made Money“). Sieben Scheine, sieben Todsünden. Der schönste Schein von allen sei vielleicht die 100er-Note, so Eberstaller. Die Vorderseite zeigt – wie bei allen anderen Scheinen – Schloss Krasków (eine polnische Kunststiftung als Beispiel positiver Transformation von Geld). Auf der Rückseite sehen wir Captain Ahab, „den völligen Idiot“, der sein Leben der – aussichtslosen – Jagd auf einen Wahl, Moby Dick widmet, außerdem Ahabs fiktiven Sohn, an den er seinen Wahnsinn weitergibt. Die verkörperte Sünde ist Ira, der Zorn.Der seiner Meinung nach schönsten wie unheimlichsten Sünde, hat Eberstaller den Wert 10 zugewiesen. Der Blaue Schein steht für Acedia, die Trägheit des Herzens.  „Das Billigste und zugleich das Tragischste“, so Eberstaller. Hier soll noch einmal herausgestellt sein: Jeder dieser Scheine ist ein verdammtes Kunstwerk. Das lässt Eberstaller zwar so gar nicht raushängen, aber bei seinem Geld sitzt jedes Symbol, jedes Symbölchen am rechten Fleck. Mit „worthless unless transformed“ liefert jeder Schein gleich seine Gebrauchsanweisung. Die Signatur wie Zeichen kommen nicht ohne die Biene aus – Nikolaus Eberstaller, der „Beekeeper“. Das Geld kommt aus der „Extranational Honeybank of Krasków“. Die jeweilige Sünde findet sich verkörpert in Rückseitenmotiv, Siegel je eines Global Players und einer Allegorie. Die Seriennummer steht immer für den Beginn eines großen Krieges.„Wir gehen mit der Sau auf die Straße, schmeißen Scheine und die Leute verstehen’s“, sagt Eberstaller heute. Das und nur das ist, was er erreichen wollte. Er stemmt sich gegen verklausulierte Kunst, die sich nur noch einer aufgeklärten Elite erschließt. Er will Menschen neu für Kunst gewinnen. Sie sollen sehen: „Hier passiert was, wo ich mitgehen kann.“Wenn man will, kann man den Schweine-Marsch als feines Sinnbild für all die Privilegien unserer Zeit betrachten – das Recht auf Meinungsäußerung, das Recht sich zu versammeln, das Recht Veränderung anzustoßen. Hier ging es „nur“ um Gier, es hätte um Größeres gehen können. „Das Absurde aber ist doch: Das Ganze hat keinen Mut erfordert. Es ist alles geregelt, nichts kann passieren – und trotzdem tut’s keiner.“ Die Menschen gingen eben immer erst auf die Barrikaden, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert.Eberstaller will ein Künstler sein, der transformiert. Wenn er produziert, dann als ein Gefäß, das sich solange füllt, bis es überläuft. „Was entsteht, hat meine Umwelt geformt“, sagt Eberstaller. Deswegen nennt er positive Demut als wesentlichen Faktor des Künstlerdaseins. Immer wieder gleichen seine Bilder im Nachhinein einer Prophezeiung. In seiner Kunst spiegelt sich, was zwar da, aber noch nicht sichtbar war. So war es bei seinem Bild „So ein schönes Kind warst du“. Es zeigt einen Jungen zwischen bedrohlichen Lianen mit einer Naht senkrecht auf dem Oberkörper. Als Eberstaller das Kind malte, wusste er noch nicht, dass er schwer krank war. Wenig später musste er sich einer Operation unterziehen. Auf das vorausschauende Moment in seinen Arbeiten ist Eberstaller nicht stolz. „Kunst ist ein Lautsprecher“, sagt er. Aber nicht unbedingt sein Lautsprecher. „70 Prozent von dem, was ich mache, sind scheiße, 30 Prozent sind gut – nur zehn Prozent sind das, was ich wirklich machen will." Zu diesen zehn Prozent zählt das rosafarbene „Battlefield Love Memorial“. Ein Schlachtfeld in rosa, prominent platziert. Es geht um die Dualität von Gut und Böse. Und wieder um Transformation. So wie sich die Liebe zuweilen in ein Schlachtfeld verwandelt, so soll sein Schlachtfeld zu Liebe vernichtet werden. Nicht nur abstrakt. Nein, am Ende soll ein Bulldozer die temporäre Installation dem Erdboden gleich machen.Details des Projekts stehen noch zur Disposition, nicht aber die Farbe von Soldaten, Panzern & Co. Rosa, das stand für Eberstaller immer schon fest. Die perfekte Begründung hat ihm dann erst der befreundete Kunsthistoriker und Kurator Achim Gnann geliefert: Rosa ist die Mischung aus weiß und rot – Rot versinnbildlicht das Blut, weiß die Reinheit.  Er selbst, gesteht Eberstaller, habe immer mehr an Hautfarbe gedacht – „popartmäßig überzogen“.Noch eins ist für ihn ganz klar: sein Schlachtfeld soll in Berlin passieren. Berlin, als absolutes Paradebeispiel der Transformation. Ein Ort, wo Kälte, Starre und Mauer, Inspiration und Aufbruch gewichen sind. „Österreich hat sich immer aus der Geschichte genommen“, findet Eberstaller. In Deutschland hingegen werde aus der Last der Generationen Kraft. „Wir erleben dort eine Transformation zum Guten, wie wir sie nirgendwo anders erfahren können“. Wenn er sich ein Land aussuchen sollte, das vorerst mit Sicherheit keinen Krieg anzettelt, es wäre Deutschland. Vor dem Reichstag oder auf dem Tempelhofer Feld – da sieht Eberstaller seine Über-Installation. „Ich bin geisteskrank, völlig größenwahnsinnig, ich weiß“, kommentiert er. Das Battlefield sei eben eine Art Lebensprojekt. Er will es richtig machen. Am liebsten möchte er fünf Kontinente damit bespielen. Er will es richtig machen.„Museale Kunst hat ihre Berechtigung“, findet Eberstaller. Er aber will raus. Seine Kunst soll in die Öffentlichkeit. Dass das Battlefield auch ein nicht von der Hand zu weisender touristischer Faktor wäre, davon ist er überzeugt. Im gewöhnlichen Kriegerdenkmal zum Beispiel sieht er bloß eine versiegelte Fläche. „Da wird drei Mal im Jahr geputzt. Sonst passiert da nichts.“  Eberstaller sucht die Möglichkeit, „Denkmal“ als etwas Neues zu begreifen. Sein Battlefield muss belebt werden. „Die Leute sollen zwischen Panzern Picknicken, Gewehre abbrechen, Sex neben Soldaten haben – nur völlig abtragen dürfen sie es nicht“, erklärt er. Und je mehr sein Werk von Leben erfüllt werde, desto weniger scheine das einstige Schlachtfeld hindurch.  „Noch bevor die Planierraupe kommt, wird nur noch Liebe übrig sein“ – so stellt sich Eberstaller das vor.Jetzt braucht er Investoren. „Aber welcher Konzern sollte diese Botschaft nicht unterstützen wollen?“ Eberstaller ist hoffnungsvoll. Auf öffentliche Gelder will er verzichten. Damit solle man lieber junge Künstler fördern.Er hat es nicht in diesem Zusammenhang gesagt, aber was wäre ein Fan-Artikel ohne den obligatorischen Emotionsrundumschlag: „Ich habe mich schon als Kind gefragt: Wenn wir wissen, dass das All unendlich ist. Wie geht es dann, das etwas unmöglich ist?

© gallerytalk.net, Anna Meinecke, 5. Mai 2013