DAS SPANNUNGSFELD DER GEGENSÄTZE

Der österreichische Künstler Nikolaus Eberstaller prangert auf spannende und faszinierende Weise gesellschaftliche Missstände und die fatalen Folgen von Not, Leid und Zerstörung durch den Missbrauch von Macht an. Dabei sind die Aussagen der Kunstwerke bipolar, sie leben aus dem Spannungsfeld der Gegensätze, die nicht unvereinbar sind, sondern deutlich machen, dass jeder Aspekt eine positive und eine negative Seite umfasst.

Battlefield: die Skulptur

So nimmt man bei dem monumentalen BATTLEFIELD zunächst nur die plastisch hervortretenden Buchstaben des Wortes LOVE wahr, die durch die süßliche Farbe Rosa einheitlich mit dem Bildgrund verschmolzen sind. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass die Lettern aus unzähligen Spielzeugsoldaten und -panzern gebildet werden. Sie stehen in Reih und Glied, sind in geordnete Formationen gezwängt und werden von der Farbe wie eine einheitliche Soße überzogen, sodass die Akteure namenlos bleiben, ihnen keinerlei Individualität mehr zukommt. Zugleich spielt die Farbe auf die verletzliche menschliche Haut an, lässt die Soldaten wieder zu Fleisch und Blut werden. Die Farbe Rosa entsteht durch die Mischung aus Rot, das für Blut steht, und Weiß, das Reinheit versinnbildlicht. Das Kunstwerk bringt auf subtile Weise zum Ausdruck, dass scheinbar unauflösbare Gegensätze sich verändern, auseinander hervorgehen können, dass sich aus Liebe ein Schlachtfeld und aus einem Schlachtfeld Liebe entwickeln kann. Auch die von Eberstaller erfundene Geldwährung HONEY stellt Gegensätzliches gegenüber. Sie zeigt auf, dass Geld einerseits friedliche und andererseits zerstörerische Folgen hat, je nachdem, wie und auf welche Weise es verwendet wird. Auf der Vorderseite jedes Scheines erscheint ein barockes Schloss in einem Park (Krasków in Polen), ein sonniges Idyll, das den Wohlstand und Frieden als Folge sinnvoll eingesetzten Geldes versinnbildlicht. Die Rückseiten zieren dagegen allegorische Darstellungen der sieben Todsünden – Acedia, Luxuria, Gula, Invidia, Avaritia, Ira und Superbia. Eberstaller schöpft bei diesen Bildern aus seiner reichen Kenntnis von Kompositionen Alter Meister wie Hieronymus Bosch oder Marcantonio Raimondi, die er nicht selten mit einem witzigen Unterton subtil verfremdet. Daneben verwendet der Künstler auch Fotografien, die aktuelle Geschehnisse wie die Messung der Verstrahlung von Kindern nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima festhalten. Die Bilder werden von Tieren flankiert, die gemäß mittelalterlicher Tradition die jeweiligen Todsünden symbolisieren. Daneben erscheinen die Firmenzeichen großer internationaler Konzerne wie Smith & Wesson oder IAEA (Internationale Atombehörde), die aufzeigen, welche negativen Effekte derartige Industrien auf das gesellschaftliche Leben und die Umwelt ausüben und letztlich Hass und Zwietracht entstehen lassen. Schließlich verbergen sich hinter den Seriennummern am rechten Rand der Geldscheine die Beginndaten jener Kriege, die seit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges die verheerendsten Folgen hatten. Die Aufschrift „Worthless unless transformed“ ruft ins Gedächtnis, dass die Existenz des Geldes an sich noch keine Folgen hat, sondern erst, wenn es Verwendung findet, erst wenn es einen Gegenwert einfordert. Dieser Eintausch kann sinnvolle oder verwerfliche Folgen haben, was die Bilder auf den Scheinen eindrücklich in Erinnerung rufen. Wie das Sprichwort sagt, sind sie die beiden Seiten einer Medaille. Die allegorischen Bilder geben eine Fülle von Anregungen, weiter über die Folgen des Geldes zu reflektieren, das an sich wertlos ist und doch eine solch nachhaltige Wirkung ausübt, indem es den Ablauf des gesamten Lebens beeinflusst.

Dr. Achim Gnann kuratierte u.a. die MICHELANGELO Ausstellung 2010 in der Albertina Wien.

© Achim Gnann, 2011