WEIN RHEIN BIS ES PFALZT UND MOSELT.

Ein Reisebericht. Oder so ähnlich.

Zumindest was meinen persönlichen Zugang zu Wein betrifft, halte ich mich nicht für ein Arschloch. Ich bin kein Trophäenjäger, wetze mich nicht an bekannten Labels wund, erkläre Winzern nicht, wie ihr Wein schmeckt, sondern grunze höflich, wenn er schmeckt und wechsle das Thema, wenn er nicht schmeckt. Ich hinterlasse keine Gästebucheintragungen und beschwere mich niemals brieflich. Über Preise echauffiere ich mich nicht, solange nicht festgestellt wird, dass Grand Crus Grundnahrungs- oder Heilmittel sind. Ich schaffe es, Wein zu kosten, ohne ansatzlos ins papillenverätzende saufen abzudriften. Ich lasse mich gerne belehren, wenn es um das Thema Wein geht. Allerdings bevorzugt von jenen, die ihn auch erzeugen. Nichtproduzenten, die über Produzenten ihre eigene theoriefette, aber praxismagere Eitelkeit kippen, sind mir meistens fremd.

Eigentlich entspannte Voraussetzungen, um eine Weinreise durch Deutschland mit Rückendeckung meiner beruflich kontaminierten, aber ebenfalls lernwilligen Gefährtin anzutreten.

Aus gierpräventiven Gründen wählen wir das kofferraumschwächste Fahrzeug. Abfahrt Sonntag abends. Ich begehe die erste Fehlinterpretation auf der Reise: Das Zittern des Lenkrades ist nicht auf meine immense Vorfreude, sondern auf verreckende Winterpneus zurückzuführen. Kurz nachdem wir uns entschließen, diesem Makel in München ein Ende zu setzen, springt ein blutdruckinstabiler Laubfrosch, der sich offensichtlich kurz zuvor mit seiner gewichthebenden Postenkommandantin stritt, in die Fahrbahnmitte und nimmt mir nach Begutachtung meiner Bereifung das Jahresgehalt einer indischen Minderjährigen, die für Peek & Cloppenburg im grundwasserfeuchten Keller schneidert, ab. Zwischenstopp München in einer Unterkunft, für die wir nur unter Androhung von antibiotikaresistenter Virenfreisetzung ein Zimmer ohne Gemeinschaftstoilette bekommen. Neben der Herberge lauert uns eine Vinothek auf, in der wir für 2 x 0.2L Tischwein Eur 19,20 löhnen müssen. Selber schuld. Immerhin hätte uns bereits stutzig machen sollen, dass das elitäre Haus mit vor Stolz geschwellter Brust ein Deppenapostroph im Logo trägt: ****el's Vinothek.

Morgens rücken wir die Ernährungspyramide, die ebenso lästig ist wie piepende Anschnallwarnungen, am Viktualienmarkt zurecht: Weißwurst, Butterbrez’n, Franziskaner Weiße, doppelter Espresso. Während man unser Automobil frisch und ausgesprochen inflationsverunreinigt besohlt, unterhält uns ein Münchener Taxler mit seinem verengtem Weltbild. Als FC-Bayern Fan misstraut er unserer Aussage, Österreicher zu sein. Wir erscheinen ihm zu hellhäutig, zu alt und zu unsportlich. Das Alaba-Syndrom. Wir fahren ab und weiter. Eltville am Rhein. Das Gemäuer, das wir beziehen, ist zwar keine Jugendherberge, aber seit längerem gebraucht. Seit ca. 1050. Die Vorteile, die sich daraus ergeben sind mannigfach: Man erfährt die Gnade in einem Aktiv- und keinem Passivhaus zu schlafen - woraus sich wiederum der Vorteil ergibt, dass der Morgenfurz deines Zimmernachbarn nicht dazu dienlich ist, das ganze Haus vierzehn Tage körperwarm zu temperieren. Darüber hinaus finden sich keine modernen Unsinnigkeiten wie Holzimitatböden, Schwimmkerzen oder Glastischplatten.

Dienstag: Drei Termine auf Weingütern. Ein sehr klassischer Rheingaubetrieb, dessen Weinmingerl (Weinmücken) die Kostproben schneller saufen, als wir die Gläser zum Mund führen können. Danach ein sehr beachtliches Weingut, dessen Mitarbeiter uns nach der Enthüllung, dass wir Golser sind, schlagartig adoptieren und quer durch alles, inklusive dem kürzlich errichteten Neubau führen. Der Nachlass, den man uns auf unseren Weineinkauf gewährt, ist gewaltiger als die Uneinsichtigkeit der Frank Stronach-Wähler, mit ihrem Kreuzerl ihre Volljährigkeit widerrufen zu haben. Apropos Nachlass: 1893 kostete eine Flasche des Spitzengewächses 16 Goldmark. Heute ist sie zum Preis eines Abverkaufpoloshirts mit aufgesticktem Markenlogo zu haben. Damals konnten sich diese Weine nur Reiche leisten. Heute bereits jene, die sich ein Abverkaufspoloshirt mit aufgesticktem Markenlogo zwar leisten könnten, aber zugunsten einer Flasche Kiedrich Gräfenberg darauf verzichten, für eigenes Geld fremde Marken auf der Brust zu bewerben. Unser Kofferraum leckt mit den ersten Kartons Blut und nicht nur mir ist, als ob er seitdem bei Bodenwellen rülpst. Wir fahren weiter zu einer Winzerin. Erfreuliches Kosten, Drogenaustausch.

Mittwoch: Kallstadt. Unfassbares Staunen während der Erkundung des in der Historie gefrorenen Ortes, der die Stadt zum Scherz im Namen trägt. Ein Schritt aus dem Haus und du stehst am handtellerbreiten Gehsteig. Zwei Schritt und du bist tot. Überfahren von einem rheinhessischen Rentner im S-Klasse AMG mit Perlmutteffekt im ersten Gang mit 50 km/h. Spaziergang durch die Weingärten, Blick bis ans Ende der Weltscheibe. Termin beim Kellermeister eines Weingutes, dessen jüngere Geschichte darauf hoffen lässt, dass nicht alles ameriganisches des Teufels ist bzw. wenn es denn des Teufels wäre – dann her damit. Wurde von US-Amerikanern gekauft, ohne dabei ein Schicksal zu erleiden. Klein. Ungelackt. Ausgesprochen wohlfeile Preisstruktur. So experimentell - unangepasste Weine, dass sie eigentlich nur von Winzern oder privatierenden Sommeliers getrunken werden. Und von ein paar neugierigen Nacheiferern, wie wir es sind. So gesehen, verstehe ich dann die Preisgestaltung. Denn würde Herr S. die Preise seiner Weine ins Kraut schießen lassen, dann würden die hochpreisgeilen Perverslinge zuschlagen und der ganze Spaß wäre vorbei. Während wir den ersten Riesling kosten, stelzt eine fünfzigplussige mit einem die Trägerin entindividualisierenden Louis Vuitton Täschchen dem glücklicherweise vasektomierten Leasingnehmer eines wassergekühlten und damit seines P und E beraubten Sportwagens hinterher. Als sich die beiden bedrohlich fröhlich (er, weil er endlich was zu saufen kriegt, sie, weil sie nach dem missglückten Lifting gar nicht anders kann) unserem Gastgeber nähern, setzt sich dieser rasch eine versiffte Wollhaube auf, schlendert auf die beiden zu und erklärt nasebohrend in polnischem Deutsch, dass der Chef plötzlichst aber dafür schwerst verhindert sei. Währenddessen rechnen wir hektisch hoch, wie viele Flaschen aus bester Lage wir um das exzessiv ideenlose Täschchen der Dame, die sich bei Neonlichtbetrachtung um zumindest fünfzig Jahre älter erweist, bekommen könnten und schluchzen ergriffen ob der vertanenen Chance. Der Fastsportwagenfahrer fährt dürstend trotz Wasserkühlung ab, die Dame hinterlässt er in der Eile. Ratlos leise wimmernd blickt sie mit ihrem schließmuskelverstärkten Schlupflidern ins Leere. Auch noch, als wir am nächsten Tag unsere Weine abholen. Nur das tremolierende Schluchzen, dass sich zwischen aufgespritzten Lippen ins Freie zwängt, lässt erahnen, dass die Gute trotz ihres Grinsens nichts zu lachen hat.

Wir bewegen uns keine 15 Minuten als wir dann doch wieder sehr behutsam bremsen. Wir besichtigen und kosten beim Pionier der Grand Cru Klassifikation, der als einziges nichtfranzösisches Weingut Mitglied von Biodyvin ist. Dem Porschefahrer vom Vortag begegne ich im Kostraum, wo er einer restsüßen Blondine im volltrunkenen Zustand auf das trockenbeerige Dekolleté speichelt. Ansonsten stößt uns auch hier nichts Säuerliches auf. Außer den Preisen vielleicht, aber das ist unser Problem. Genauso wie die Tatsache, dass unser Automobil unsere Befüllung bereits als Belastung und nicht mehr als Bereicherung zu empfinden beginnt und das satte Rülpsen einem enervierten Ächzen weicht. Weiterfahrt zur Mosel. Bergab beschleunigt uns das Ladegut dragsterwürdig. Als wir von den zielführenden Serpentinen zum ersten Mal ins Tal blicken, schleudern wir mit offenen Mäulern ins Parkett. Nachdem wir die lautstarken Ratschläge der eben hinter uns ebenfalls beinahe verunfallten, dunkelrotköpfigen Eingeborenen entgegengenommen haben, reiben wir uns die Augen wund. Unfassbar. Diese Landschaft wollen wir trinken. Unser erster Termin bei Herrn H. (heißt wie ein Kaffee, keltert aber sehr viel bessere Weine) konfrontiert uns mit dem aktuellen Lagebericht. Gute Qualität, fünfzig Prozent weniger Ertrag. Als Global Player wärest Du mit fünf Prozent minus tot, an der Mosel sagt man "Schidd heppns" und macht weiter. Überhaupt scheint man hier einen erdigeren Endlichkeitsbegriff zu haben als in anderen Weinbauregionen. Maschinelle Bearbeitung des Bodens geht bei bis zu 90prozentigen Steillagen nicht. Man spritzt per Hubschrauber, die genauso wie manche Piloten nicht alt werden, da es immer wieder zu Abstürzen kommt. Auch in jenen Weingärten, die gerade noch mit dem Traktor bearbeitet werden können, passieren jährlich schwere, teilweise tödliche Unfälle. Als wir das hören und die regennassen Steillagen sehen, ändert sich unsere innere Haltung zur Preisgestaltung. Wir besuchen in Bernkastel eine Vinothek, deren Namen englischsprachige Touristen verzückt, da sie wörtlich übersetzt allerlei schadenfrohe Objektive auf sich zieht. Nicht mehr lange, wie uns später ein Winzer erzählt. Herr Porn hat die Schnauze voll von vor der Auslage scheinkopulierenden Touristen und wird umbenennen. Wir wagen eine Verkostung älterer Jahrgänge und fallen in ein tiefes Loch. Budget überzogen, Kofferraum überladen. Auf die Empfehlung des Vinothekars, das Zeug aus Rheingau und Pfalz auszuladen und stattdessen die besten Rieslinge der Welt – Mosel Rieslinge – einzuladen, hört sich unser Spaß auf und wir verhandeln eine Lieferung. Abendessen in einem Restaurant mit esoterischen Tapeten und gefühlten zwanzig Vorhängen pro Fenster. Ich begeistere mich an der Tatsache, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Restaurant speise, das (aus unerklärlichen Gründen) keine Suppen anbietet und dessen kurzgereister Mâitre einem fassungslos brüllenden Kind erklärt, dass die Spaghetti zwar suuperlecker aber alle seien. Als wir eine wohlfeile Flasche Wein zum eingängigen Essen (das Budget, das Budget!) wählen, klopft mir der Chefkellner (Chef, weil einziger) anerkennend und breit grinsend auf die Schulter. DAS hätten sich erst drei Gäste zu bestellen getraut.

Freitag: Wir treffen Freunde, gehen zu Fuß von Mülheim nach Bernkastel. Während die Damen auch zurück gehen, trinke ich mit meinen rieslinghassenden Freund eine frischgezapfte Weiße. Dann lassen wir uns von einer einundsiebzigjährigen Taxlerin, die Tempo 60 auf der Bundesstraße als den Vorhof zur Hölle betrachtet, nach Hause schleichen.

Am nächsten Morgen dann der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt: Der Versuch, alle Weinkartons tetrismäßig einzuladen, ohne game over, scheitert. Wahnsinnig vor Schmerz, suchen wir nach einer Lösung, um auch die Geschenke der deutschen Winzer an ihre österreichischen Kollegen artgerecht zu verstauen. Es scheint zu gelingen. Bis fröhlich hupend der Vinothekar des Vortages um die Ecke biegt und meint, zumindest dieses Kartönchen sollte noch mit auf die Reise, sonst würde der Versand unvorteilhaft teuer. Ich betrachte aus dem Augenwinkel den Freiraum zwischen Reifen und Kotflügel an der Hinterachse. Er ist verschwunden. Mir wird schwindlig. Wie ein vor Augenblicken aus dem Mutterschoß gefallenes Antilopenbaby stehe ich schweißnass auf wackeligen Beinen auf einem mittelmoselländischen Parkplatz. Gehe in die Knie, sinke zu Boden, richte mich wimmernd auf, gehe erneut in die Knie, bleibe liegen. Niemand leckt mich ab. Mama ist 930 km entfernt. Doch dann explodiert ein Gedanke auf meinem Frontallappen: Gewichtsreduktion! Zurück auf's Zimmer: Zahnsteinentfernung mit der Schuhbürste. Kurzhaarschnitt mit der Nagelschere. Kot mit derselben Schere aus den Sneakersprofilen kratzen. Nägel abbeißen. Brille putzen. Zwei Stunden Sauna mit minütlichem Aufguss. Salzstreuer im Restaurant ausleihen, Salz schlucken, abwarten, wieder ein Kilo weniger. Auto abspecken: Sonnenblenden, Betriebsanleitung, hintere Kopfstützen, Fußmatten – kübeln. Dann ziehe ich unter Volllast ein Dutzend Doughnuts über den Asphalt, bringt sicher ein paar Gramm Gummi. Irritierte Ruhesuchende handygrafieren. Fahrt zur Brückenwaage (Winzerorte haben so etwas): 2.061 kg. Zurück zum Parkplatzmistkübel, Bedienungsanleitung mit technischem Datenblatt suchen: Max. zulässiges Betriebsgewicht: 2.020 kg. Zurück ins Hotel. Beine depilieren, Tränendrüsen und Mitesser ausdrücken, Fußsohle mit Nagelfeile abschaben. Feststellung, dass das zuwenig sein wird. Zurück zum Parkplatz: Koffer auf, Schmutzwäsche in die Rezeption kippen und höflich um Zusendung bitten. Dann entgleist die Realität: Was, wenn wir das Verdeck abflexen und offen nach Hause fahren? Doch plötzlich öffnet sich der Himmel, Gott tippt sich dreimal an die Stirn und deutet dann zur gegenüberliegenden Tankstelle, bevor er sich mit gestrecktem Mittelfinger zurückzieht. Das ist es! Wir haben 41 kg zu viel. Aber wir sind vollgetankt! VOLLgetankt! Während tausend Geigen vom Himmel fallen, stürze ich hinter das Lenkrad. Nach 64 Minuten im ersten Gang um den Hotelbrunnen habe ich 2.020 kg erreicht. Währendessen lief die Hotline des rheinland-pfälzischen psychosozialen Notdienstes unter Volllast, wurden wir vom Verteiler des Hotels gelöscht und unser Zimmer gründlichst desinfiziert. Bevor wir diritissima nach Hausefahren, besuchen wir noch einen Winzer, der uns sorgsam (und so, als ob er das nicht zum ersten Mal täte) 11 Liter Sprit abzapft und als Gewichtsäquivalent 6 Flaschen Wein verkauft. (Dichte von Superbenzin ist 0,75 kg/cm3. 10 Liter sind 7,48 kg schwer. Eine Flasche Riesling wiegt im Mittel ca. 1,30 kg. Oder so. Die Rückfahrt war größtenteils friktionsfrei, auch wenn ich nicht darüber reden möchte, wie oft wir tanken mussten.

Mehr Fotos? Abenteuer entstehen im Kopf.