Sternenhimmel-Strudelwurm und andere Naturräusche.

Nervöse Tiefenentspannung

Wir klimatisieren uns durch eine afrikanische Wüste an die Küste. Dort angelangt, ziehen wir Dinge an, die nicht nur höchstgradig hitzestauend sind, sondern auch 30 kg wiegen. Ich kühle mich mit dem Gedanken ab, nun mein Idealgewicht erreicht zu haben. 100 Kilo, 40 Grad (Außen- nicht Körpertemperatur ...). Mein Nettogewicht schmilzt wie ein Brickerl in der Mikrowelle. 5mm Neopren und ein mindermodisches Luftflügerlgilet werfen meine Hautatmung auf die Matte. Es gibt Menschen, die am Tragen von Gummiwäsche Lust empfinden. Schön. Als Mensch, der es nicht reizvoll findet, in seinem eigenen Fußschweiß zu stehen, gehöre ich definitiv nicht dazu. Wir gehen hüftsteif fünfzig Meter über das Riffdach ins Meer. Bis wir ein gedankenlos gaffendes, schwarzes, geflutetes Loch ausmachen. Unser Guide fordert uns beiläufig auf, uns da hineinfallen zu lassen. Mir fällt auf, dass der feuchte Glanz aus seinen Augen weicht als ich ihn flüsternd frage, ob er nicht vollendet geistesgestört ist und was ich vorher auf der Tauchbasis eigentlich für seltsames Zeug unterschreiben musste. Meine Frau hingegen kann es kaum erwarten. Platsch. Luft aus dem Jacket, 7 kg Blei ihre willkommen negative Wirkung tun lassen.

Unter Wasser sind wir Schwerkraftsofties.
Es wird dünkler. Druckausgleich. Alles anders. Ich beginne mich zu fragen, warum ich mich gegen ein nicht unbeträchtliches Entgelt in einem engen, unterwässrigen Kanal darauf konzentriere, ruhig zu atmen - mir ja kein Hyperventilierungstor zu schießen und wenig zu denken. Das wenig denken beginnt jedoch prachtvoll zu wirken. Ich schwebe. In einem gefluteten Riffdachtunnel. Rechts von mir ein Steinfisch -gefühlte 20 cm neben mir (wird mehr gewesen sein). Die Typen sind harmlos, haben einen Bewegungsdrang wie Golden Retriever im Burgenlandaugust, aber wenn Du sie berührst, war's das dann. Für immer. Nach cirka achtzig Metern flutet das Licht Euphorie in mein Stand-by Hirn. Wir fliegen aus dem Tunnel ins Blauwasser. Was über Wasser die Ehrengarde des Bundespräsidenten ist, begegnet Dir unter Wasser als basisdemokratische Abordnung von tausenden Rifffischen, diesmal abgeschritten von einem herrlichen Napoleon, der tiefenentspannt an seinen Mitfischen vorbeidefiliert und uns dabei aus den Augenwinkeln beobachtet. So, als ob er sich nicht sicher wäre, ob wir uns sicher sind, was wir hier tun. Sind wir aber. Glauben wir zumindest.

Der Ausflug entlang der Riffkante bringt viele neue Freundschaften mit sich. Eine Riesenmuräne, die sich von ekelresistenten Putzergarnelen - fauliges Aas aus den Katzenzähnen saugen lässt. Quotensichernde Großfische, die unseren Guide immer wieder zur  Messer und Gabel Pantomime verleiten ("I eat my friends ...") Ganz besonders bewegungsunrund wurde er, als die mächtige Kontur eines Thunnus Albacures aus dem Blau zu uns und wieder ins Blau raste. Was ich zuerst als warme Thermocline einordne, entpuppt sich als unseres Gourmet-Guides körperwarmer Erregungsspeichel, der in zweiundzwanzig Metern Tiefe mit der Meereskühle tanzt. Dann aber: zum ersten Mal in meinem Leben begegne ich einem Sternenhimmel-Strudelwurm! Ich treffe ihn mitten im Blauwasser, freischwimmend. Überdosis Eleganz in Daumengröße. Ich habe keine Ahnung, wer sich den ausgedacht hat. Aber hier hat er/sie/es wirklich ganze Arbeit geleistet.

Wüste Erkenntnis
Kurz vor der Dämmerung laufe ich nirgendwohin durch die Wüste. Immer noch 30 Grad. Beim Start begegne ich einem Araber, der seinen Araber wäscht. Ich habe mir noch nie Gedanken gemacht, womit man ein Pferd wäscht. Nur PRIL ist - glaube ich - eine minderintelligente hautkosmetische Wahl. (Es sei denn, er hat absichtlich vor, sein Pferd weichzumachen ...) Die Wüstenhunde vor denen man mich gewarnt hat, tauchen nicht auf, was meine Vermutung bekräftigt, dass diese ein arabischer Schmäh sind, der uns davon abhalten soll mitzubekommen, wie die Beduinen umweltdenken. Um es freundlich zu formulieren: Anhand der Artefakte im Wüstensand könnte ein mittelbegabter Profiler die Mahlzeiten, Ölwechsel, Lackierarbeiten, Zahnextraktionen und Haustierentsorgungen der letzten 3 Generationen ermitteln. Irgendwo finde ich eine Brustprothese. Das Licht in der Abenddämmerung der Wüste schmeichelt dem Dreck und lässt ihn samten schimmern.  Die Qualität der in mir tanzenden Euphorie könnte durch schnöde Zellgifte niemals erreicht werden. Alles ist leicht, auf eine feine groteske Art. Denn von außen betrachtet sitzt da ein verwöhnter Mitteleuropäer schwitzend wie ein Schwein am Wüstensaum, umgeben von wundbrandfördernden Lackrostdosen, Flipflopresten und Fischkarkassen. Von innen betrachtet, ist er glücklich.