Golser Volksfest. Der Frontbericht.

Feinste journalistische Recherche vom Gröbsten. Oder umgekehrt. Je nach Geisteshaltung.

21:00
Ich zahle sieben Euro Strafe und betrete das exterritoriale Gebiet des Golser Volksfestes. Als ich die Frontlinie erreiche, treffe ich auf den ersten verwundeten Kindersoldaten, der mich hellstimmig um eine Zigarette bittet. Als ich erwidere, selbst Schnorrer zu sein, sagt er zum Abschied leise Arschloch und stapft an mir vorbei. Dreizehn, höchstens, der Bursche. Klebt sich wahrscheinlich Extensions in die Achselhöhle und stopft sich seinen Einschlafbären in die Hose, bevor er Nirvanas Rape me im Discozelt bestellt und einer Zwölfjährigen an die Brustvorbereitungen greift.


22:00
Eine Schlaganfallselbsthilfegruppe konzertiert im Weinzelt. Die Gesichtsgelähmtenselbsthilfegruppe sieht zu. Der Leadsänger gurgelt permanent schlafattackiert in das übersteuernde Mikrofon. Die Band macht sich eher nicht nur Freunde. Trotzdem stehen im Zelt ein paar gedungene Suchtexperten auf den Tischen und probieren den kalten Entzug. Man trinkt Fruchtwein bzw. das, was dessen Erzeuger als solches zu bezeichnen wagt. Das Zeug eignet sich im angetrockneten Zustand hervorragend dazu, Fenster zu dichten oder Kühe an die Decke zu picken. Ansonsten ist es Körperverletzung mit einem stumpfen, chemischen Gegenstand.

23:30
Mein Asylantrag in der Sportlerlaube wird angenommen. Gegen wohlfeiles Entgelt für eine sirupfreie Bouteille atme ich frische Luft und darf echten Wein trinken. Ich befinde mich auf kulturanthropologisch wertvollem Boden. Denn dieser Ort entspricht am ehesten noch dem, was mein Großvater im Jahr meiner Geburt zum ersten Mal mit seinen Freunden eröffnete: Eine Weinkost mit landwirtschaftlicher Messe und Ringelspiel als Volksfest. Hier unterhält man sich noch über das, was man säuft. Hier sieht man noch die Damen denen man nachstellen will, anstatt sie – von Alkopops erblindet – nur mehr riechen zu können. Benachbart an diese Beautyfarm finden Menschen, deren Zungen von dem gelbroten Burgerclown noch nicht weggelasert wurden, Golser Bier. In Anbetracht des gegenüberliegenden Lazarettzeltes eine First Class Lounge. Ich trinke fein gezapftes Weizen, während der Chef dem Brandgeruch nachgeht. Hinter mir trainiert eine junge Athletin einen rustikalen Salto rückwärts von der Heurigenbank. Sie bleibt nach dem ersten Versuch enttäuscht liegen. Die pulsierend glühende Zigarettenspitze signalisiert mir: vorhandene Vitalfunktion Atmung. Ein Greis in meinem Alter überlegt kurz, traut sich dann glücklicherweise aber doch nicht.

23:50
Einer meiner Freunde sucht seinen Sohn. Wir schultern schweres Bergegerät und beladen den First Responder Handwagen mit dem Allernötigsten: Sauerstoff, Defi, Ringerlösung, Kotzkübel. Dann schlagen wir uns durch das Sperrfeuer in Richtung Nordnordwest durch. Neben uns detonieren großkalibrige Musikkonserven. Nach den ersten hundert Metern einigen wir uns darauf, die Schwerstversehrten am Wegesrand zu ignorieren, um nicht unsere Apotheke vorzeitig zu vergeuden. Ein olympisch adipöser Zahnsteinträger mit Adidas-Saunaschlapfen und dem obligaten Scherzspruch-T-Shirt (Ich überstand die Magersucht) mäandert aus den Pulverschwaden und bittet mich um Feuer, kotzt sich dann aber lieber kurz an. Ich ziehe geistesanwesend mein Feuerzeug zurück: Der Artillerist hat ein Schnapsbarrique intus. Seine Freundin beißt in das noch folierte Lebkuchenherz. Der benachbarte Zuckerbäcker zieht Zuckerwatte. Die Freundin kaut weiter.

01:00
Wir betreten das Zelt der Gesetzlosen. Hier trinkt man durch Strohhalme aus Gießkannen. Noch nie war der Begriff Weichmacher treffender. Saisonaler Höhepunkt ist diesmal FICKEN – ein gepimpter Neutralalkohol mit Wasser, Sirup, Fruchtgrundstoff und Zitronensäure-Auflösung. Scheiße hat mehr Inhaltstoffe. Ich frage mich, wer von diesen zungengekercherten danach jemals Trinkbares trinken wird können. Um das Zeug in die Gehirne der Marketingopfer zu nageln, gibt’s originelle Sticker gratis dazu, die man sich bevorzugt auf das Hirn pickt: PORNOSTAR, LUDER, SEXSÜCHTIG. Neben mir steht ein Zwerg, dessen Gesicht mit einem Dutzend davon tapeziert ist und der aufgrund verringerter Hautatmung (und anderen Ursachen) mit seinem Kreislauf catcht. Um der Recherche Genüge zu tun, trinken wir aus Harnbechern Cola Bacardi und sehen einer phlegmatischen Gogo-Tänzerin dabei zu, wie sie auf geil macht, aber ans Amoklaufen denkt. Der Zwerg fällt um. Es könnte aber auch ein spezieller Tanzschritt gewesen sein. Nachdem uns dieser aber zu lange dauert, ziehen wir uns zurück.

01:25
Wir finden den Sohn. Unversehrt. Staubtrocken. Ein Heiliger. Er will nach Hause. Vermutlich Überdosis.

02:34
Sperrstunde. Der Schalter kippt. Mein Puls trommelt in meinen Ohren fröhlich weiter. Ich blicke mich um. Und finde mich mitten in Michael Jacksons Thriller-Clip. Hunderte Exhumierte torkeln zum Ausgang, ein besonders streng riechendes Exemplar sichert sich mit den eigenen Zähnen am Absperrzaun, um sich freihändig zu erleichtern. Nach teilweiser Entleerung wankt er mit nachtropfend heraushängendem primären Geschlechtsmerkmal und zu meiner Erschütterung auch rückwärtig markiertem Beinkleid weiter. Ein Mädel kotzt eine Arie in den Kies. Der erste Vogel zwitschert.

02:40
Ein vibrierender, dampfender Flüchtlingszug wälzt sich kotzend, pissend, stöhnend die Hauptstraße entlang. Die Frauen bevorzugen die heimeligen Hauseingänge, die Männer üben sich im Performance-Pissing. Ein Hochleistungsparcours. Ich bin froh, im Zug an der Spitze zu gehen, denn hinter mir bäumt sich biblisches aus Stoffwechselprodukten auf. Junge Männer machen spontane Geschenke, die sie aus den Blumenbeeten der harnfeuchten Vorgärten beziehen, auch die Straßenverkehrsordnung wird neu konzipiert. Man geht in der Straßenmitte, vorbeifahrenden Autos wird auf die Motorhaube applaudiert. Ein störendes Nachrangzeichen wird demontiert. Die Tageszeitungsständer werden geleert. Ich passiere ein Geschäft für den modischen Herren, dessen Markise dank beherztem Feuerwehreinsatzes bereits wieder erloschen ist.

02:50
Wir erreichen das erste Feldlazarett der Fluchtschneise. Ersthelfer versorgen die Unglücklichen mit Flüssigem. Als ich erkenne, dass die Schwerstverletzten bevorzugt behandelt werden, reihe ich mich in den Flüchtlingstreck Richtung Norden wieder ein: Mein Streifschuss ist zu unbedeutend.

04:50
Feldlazarett Nr. 2.
Nachdem man im Inneren vom Atmen besoffen wird (Stichwort Passivsaufen), beiße ich mich ins Freie. Dort treffe ich auf einen unverletzten Bekannten. Während wir uns unterhalten, brunzen drei Oberbrandmeister zielgerichtet, aber vom Rausch gebeutelt, in die Kellerschächte. Zwei eher noch nicht fünfzehnjährige Mädels verarbeiten ihr Lokalverbot mit einem Joint, den sie in der Straßenmitte gelangweilt inhalieren. Die Taxis fahren wenig erbost, aber sehr erprobt in handbreitem Abstand vorbei. Ein Unglücklicher mit Jägermeisterschraubverschlüssen auf der rotgeäderten Nase läuft mit einem lange toten Feldhamster aufgebracht auf und ab und versucht den Besitzer zu finden. Dann setzt er sich zu Boden und schläft ein. Als er wenige Sekunden danach kurz die Augen öffnet und seinen Irrtum bemerkt, schreit er gellend auf und wirft den Kadaver in hohem Bogen zu den zwei straßenmittigen Kifferinnen, die dies wohlwollend zur Kenntnis nehmen.

05:20
Der Rattenfänger schreit immer noch. Die Kifferinnen sind nicht mehr da, wurden aber nicht überfahren. Die Kellerschächte sind randvoll urinbeprobt. Die Sonne geht auf, sieht das Desaster, will sich nicht in Fruchtweinkotze reflektieren und zuckt kurz zurück.

05:32
Ich stehe vor meinem Haus und betrachte erstaunt die abgefressenen Pfefferonisträucher.

Liebe es oder hasse es.

Nachsatz: Nachdem dieser literarische Text dazu führte, dass ich einen übelgelaunten Rechtsanwaltsbrief erhielt, der sich als Beginn einer längeren Brieffreundschaft herausstellen sollte, die angesichts des Rechtsstaates in dem wir leben selbstverständlich nicht über simple Drohgebärden hinauskam, möchte ich dennoch freundlich anmerken: Wenn mir in diesem Text ein paar Dinge sauer aufgestoßen sein sollten, so ist das selbstverständlich mein Problem. Wenn es Menschen gibt, denen mir nicht mundendes die Gurgel runterläuft, so ist auch das ein Stück nie zu ergründender, mitunter gar liebenswerter Wahrheit. Mögen wir nie größere Sorgen haben. Prost.