APA - Austria Presse Agentur

Die APA (Austria Presse Agentur) schreibt über, fotografiert und filmt die Performance in der Wiener Innenstadt mit MARIE COCHON am 23. März 2012:

EINE SAU GEGEN DIE GIER English version coming soon

Wien (APA) - Für ihren ersten politisch aufgeladenen Freigang hat sie sich einen sonnigen Tag gewählt: "Marie Cochon", eine mit Geldscheinen ausgestopfte Mastsau, machte am heutigen Freitagvormittag in der Wiener Innenstadt gegen die Gier mobil. Die Kunstfigur der beiden Künstler Barbara und Nikolaus Eberstaller protestiert gegen "Reichtum auf Kosten anderer", wie die beiden "Assistenten dieser Sau" erklärten. Begleitet von einem Tross Journalisten und unter den leicht irritierten Blicken der Zaungäste ging es vom Stephansdom über den Graben und den Heldenplatz zur Abschlussaktion vor dem Parlament.

Marie blieb inmitten des Trubels ungerührt. Montiert auf einem Holzgestell und von einer Plexiglasscheibe umgeben quollen dem Tier Geldscheine aus Maul und den Flanken. Die Währung wurde von Barbara und Nikolaus Eberstaller für die Aktion kreiert: "Honey" (Home Made Money) kommt in sieben Ausführungen daher, für jede Todsünde eine und entsprechend illustriert. Die Seriennummern bestehen aus den "Beginndaten der sieben verlustreichsten Kriege unserer Zeit", erklärte Barbara, um sogleich das Geld wieder in die Menge zu werfen.

Nikolaus wiederum bezeichnete Marie als "eine staatenlose Performance-Künstlerin, die wohl die kommenden Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre die Welt bereisen wird". Bereits kommende Woche steht ein Berlin-Besuch an (30. März) mit anschließender Teilnahme an der Ausstellung "Goldener Käfig" im KunstBüroBerlin. Auch ein Besuch in Ungarn sei bereits angedacht, so Nikolaus, der gleichzeitig betonte, dass das Tier auf "fachmännische Art und Weise geschlachtet wurde. Wir machen diese Aktion nicht auf Kosten eines Lebewesens. Sie hatte das selbe Schicksal wie jede andere Mastsau".

Die meisten Passanten, wohl auch angelockt durch zig Fotografen und Kamerateams, betrachteten die Aktion sichtlich interessiert, zogen aber meist bald wieder weiter. Eine Schulgruppe nahm Marie als Anlass, über Finanz- und Wirtschaftskrise zu sprechen, während eine ältere Dame sich sorgte, ob "das Schweinderl" noch lebt. Eine Unterstützerin der Aktion findet es gut, dass die Künstler auf das Thema aufmerksam machen. "Geld alleine ist nicht wichtig, gerade wenn man merkt, dass Werte verloren gehen. Aber es gibt Menschen, für die Geld alles ist, und die es noch dazu nicht auf ehrliche Weise erworben haben."

Nikolaus zeigte sich beim Gang durch die Innenstadt angetan ob des Rummels, den die Aktion bereits im Vorfeld entfachte. "Wir haben es als kleine Initiative mit Freunden und einigen Journalisten geplant. Das Interesse hat uns letztlich mehr als überrascht", erklärte er der APA. "Es ist aber auch wichtig. Denn ohne die Medien sind wir nur wie zwei Deppen, die eine Sau durch die Gegend karren." Amüsante Begegnungen entstanden dennoch, etwa als Marie auf eine Frau traf, die ihre Chihuahuas in einem Louis Vuitton-Kinderwagen durch die Gegend schob.

Eine Passantin am Heldenplatz, die mit ihrer kleinen Tochter das Schauspiel betrachtete, befürwortete die Aktion ebenfalls. "Ich hoffe, dass die Welt langsam im Umbruch ist, dass jeder einzelne daran arbeitet", meinte sie zur aktuellen Situation. Erst wenn das Volk sich entsprechend äußere, würde ihrer Ansicht nach auch die Politik darauf aufmerksam werden. Wichtig sei, "dass die Menschen sich besinnen".

Vor dem Parlament sollte schließlich das restliche Geld, das nach den einzelnen Verteilstationen noch übrig blieb, verteilt werden, schließlich "brauchen die es dort", meinte Barbara zur APA.  Und Nikolaus ergänzte: "Wir möchten anregen, über das Kernthema von Marie nachzudenken. Nämlich, dass Gier und Reichtum auf Kosten anderer eine Schweinerei ist. Das sollte man auch moralisch kritisieren dürfen, sogar müssen!" Währenddessen warf ein weiterer Befürworter der Kunstperformance Cent-Münzen in einen Abwasserkanal - wohl auch ein Ausdruck des Protests.

© 2011 Austria Presse Agentur (APA)

 

DER STANDARD - print und online

DER STANDARD (A) über die Performance in der Wiener Innenstadt mit MARIE COCHON am 23. März 2012:

EIN SCHWEIN GEHT SPAZIEREN English version coming soon

Die Performancekünstlerin Marie Cochon hat es sich zur Aufgabe gemacht, denkwürdige Stadtwanderungen zu ausgewählten Schauplätzen der Gier zu unternehmen.
In Zeiten wie diesen, in denen sich der sozial unverträgliche Bereicherungsdrang einiger Weniger über diverse Kontrollmechnismen der (staatlichen) Apparate scheinbar mühelos hinwegsetzen könnte, braucht es jemanden, der entschlossen gegen Amoral aufbegehrt.

Und hier kommt die Performancekünstlerin Marie Cochon ins Spiel, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, denkwürdige Stadtwanderungen zu ausgewählten Schauplätzen der Gier zu unternehmen. Marie, und das ist nun wirklich ungewöhnlich, ist (war) biologisch betrachtet ein Hausschwein; ihren Vornamen verdankt sie ihrem mit Geldscheinen ausgestopften Inneren. Mit ihrer ersten Wanderung/ Performance, die heute, Freitag, um 10.30 Uhr beim Hauptportal des Stephansdoms beginnt, übt sie Kritik an allen Formen der Raffgier, die völlig maßlos und auf Kosten anderer ausgelebt werden. Marie dankt auf ihrer Homepage ihren Inspirationsquellen Karl-Heinz Grasser, Alfons Mensdorff-Pouilly, Peter Hochegger, Julius Meinl V. sowie deren Freunden.

Begleitet wird Marie von ihren Assistenten Nikolaus und Barbara Eberstaller. Ihre zweite Stadtwanderung führt sie gleich am Samstag nach Berlin, wo sie auch an der Ausstellung Der Goldene Käfig - The Golden Cage im KunstBüroBerlin teilnehmen wird. (afze, DER STANDARD, 23.3.2012)

 

PARIS MATCH (F)

PARIS MATCH (F) reports about the Performance with MARIE COCHON in the City of Vienna on March 23rd 2012:

DE L’ART OU DU COCHON

La sculpture d’un cochon en train de manger de l'argent a été présentée au cours d'une performance artistique sur la Stephansplatz dans le centre de Vienne. Les artistes Nikolaus et Barbara Eberstaller ont organisé cette exposition afin de protester contre la cupidité et les profits faits au détriment des pauvres.




YOROKOBU (ES) Art and Design Magazine

REMA LOZANO from the renowned art and design magazine YOROKOBU (ES) reports about  MARIE COCHON. (April 13th 2012)

EL CERDO MEDIÁTICO QUE LUCHA CONTRA LA CODICIA

Marie es una cerda. Viva, hasta enero de 2012. Aunque hasta ese momento no era Marie sino AT 3 1542494 2858, tal como se le conocía en la granja de engorde austríaca en la que nació. Hasta su sacrificio, la vida de AT 3 1542494 2858 transcurrió conforme a lo previsto. Pero a partir de ahí todo fue distinto a lo habitual. Los artistas Nikolaus y Barbara Eberstaller se hicieron cargo de los ‘restos’ del porcino que no fueron destinados al consumo. Comenzaron a buscar un taxidermista dispuesto a disecar lo que quedaba del animal pero no resultó sencillo. “¿Cododrilos? ¿Elefantes? ¿Búfalos?… ¡No hay problema! Pero cuando descubrían que se trataba de un cerdo común nos colgaban el teléfono”.
Cuando parecía que su búsqueda no les iba a llegar a ningún lugar, Nikolaus y Barbara encontraron al taxidermista de un museo de ciencias que les prestó su ayuda.

Así nacía Marie Cochon, el cerdo que volvió a la vida para luchar contra la codicia. Desde ese momento, Nikolaus y Barbara se convirtieron en sus asistentes. Con ellos ha comenzado una serie de performances con las que pretenden fomentar la reflexión sobre el papel del dinero en la sociedad actual.

Para Marie, el dinero no es ni bueno ni malo. Solo inútil. Bueno, no del todo. Y si no, basta con ver cómo da buena cuenta de los billetes que sus asistentes le echan para comer…
Obviamente no es dinero de curso legal. Son billetes creados e ilustrados por Nikolaus en colaboración con otros artistas, y cuyas alegóricas imágenes tienen como tema de fondo el poder del dinero, como no. Marie está ahora en Berlín, donde participa en la exhibición The Golden Cage. Un ‘bolo’ que seguramente Marie deberá agradecer a la repercusión que tuvo su ‘actuación’ en Viena y que fue recogida por multitud de medios internacionales entre ellos The Wall Street Journal, Paris Match o Chicago Tribune. (Rema Lozano)

www.yorokobu.es




Dr. Achim Gnann (D, A)

Univ.-Doz. Dr. Achim Gnann, Kunsthistoriker und Kurator (Albertina Wien) English version below

DAS SPANNUNGSFELD DER GEGENSÄTZE

Der österreichische Künstler Nikolaus Eberstaller prangert auf spannende und faszinierende Weise gesellschaftliche Missstände und die fatalen Folgen von Not, Leid und Zerstörung durch den Missbrauch von Macht an. Dabei sind die Aussagen der Kunstwerke bipolar, sie leben aus dem Spannungsfeld der Gegensätze, die nicht unvereinbar sind, sondern deutlich machen, dass jeder Aspekt eine positive und eine negative Seite umfasst. So nimmt man bei dem monumentalen BATTLEFIELD  zunächst nur die plastisch hervortretenden Buchstaben des Wortes LOVE wahr, die durch die süßliche Farbe Rosa einheitlich mit dem Bildgrund verschmolzen sind. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass die Lettern aus unzähligen Spielzeugsoldaten und -panzern gebildet werden. Sie stehen in Reih und Glied, sind in geordnete Formationen gezwängt und werden von der Farbe wie eine einheitliche Soße überzogen, sodass die Akteure namenlos bleiben, ihnen keinerlei Individualität mehr zukommt. Zugleich spielt die Farbe auf die verletzliche menschliche Haut an, lässt die Soldaten wieder zu Fleisch und Blut werden. Die Farbe Rosa entsteht durch die Mischung aus Rot, das für Blut steht, und Weiß, das Reinheit versinnbildlicht. Das Kunstwerk bringt auf subtile Weise zum Ausdruck, dass scheinbar unauflösbare Gegensätze sich verändern, auseinander hervorgehen können, dass sich aus Liebe ein Schlachtfeld und aus einem Schlachtfeld Liebe entwickeln kann.

Auch die von Eberstaller erfundene Geldwährung HONEY stellt Gegensätzliches gegenüber. Sie zeigt auf, dass Geld einerseits friedliche und andererseits zerstörerische Folgen hat, je nachdem, wie und auf welche Weise es verwendet wird. Auf der Vorderseite jedes Scheines erscheint ein barockes Schloss in einem Park (Krasków in Polen), ein sonniges Idyll, das den Wohlstand und Frieden als Folge sinnvoll eingesetzten Geldes versinnbildlicht. Die Rückseiten zieren dagegen allegorische Darstellungen der sieben Todsünden – Acedia, Luxuria, Gula, Invidia, Avaritia, Ira und Superbia. Eberstaller schöpft bei diesen Bildern aus seiner reichen Kenntnis von Kompositionen Alter Meister wie Hieronymus Bosch oder Marcantonio Raimondi, die er nicht selten mit einem witzigen Unterton subtil verfremdet. Daneben verwendet der Künstler auch Fotografien, die aktuelle Geschehnisse wie die Messung der Verstrahlung von Kindern nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima festhalten. Die Bilder werden von Tieren flankiert, die gemäß mittelalterlicher Tradition die jeweiligen Todsünden symbolisieren. Daneben erscheinen die Firmenzeichen großer internationaler Konzerne wie Smith & Wesson oder IAEA (Internationale Atombehörde), die aufzeigen, welche negativen Effekte derartige Industrien auf das gesellschaftliche Leben und die Umwelt ausüben und letztlich Hass und Zwietracht entstehen lassen. Schließlich verbergen sich hinter den Seriennummern am rechten Rand der Geldscheine die Beginndaten jener Kriege, die seit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges die verheerendsten Folgen hatten. Die Aufschrift „Worthless unless transformed“ ruft ins Gedächtnis, dass die Existenz des Geldes an sich noch keine Folgen hat, sondern erst, wenn es Verwendung findet, erst wenn es einen Gegenwert einfordert. Dieser Eintausch kann sinnvolle oder verwerfliche Folgen haben, was die Bilder auf den Scheinen eindrücklich in Erinnerung rufen. Wie das Sprichwort sagt, sind sie die beiden Seiten einer Medaille. Die allegorischen Bilder geben eine Fülle von Anregungen, weiter über die Folgen des Geldes zu reflektieren, das an sich wertlos ist und doch eine solch nachhaltige Wirkung ausübt, indem es den Ablauf des gesamten Lebens beeinflusst.

Dr. Achim Gnann kuratierte u.a. die MICHELANGELO Ausstellung 2010 in der Albertina Wien.


University Lecturer Achim Gnann PhD, Art Historian and Curator (Vienna Albertina)

BETWEEN THE POLES

The Austrian artist Nikolaus Eberstaller denounces, in an exiting and fascinating manner, social grievance and the fatal outcome of hardship, agony and destruction due to abuse of power. In doing so, the assertions of the artworks are bipolar, they live in an area of conflict filled with extremes, which are not contradicting, but it becomes apparent, that every aspect includes a positive and a negative side. Thus in the monumental work BATTLEFIELD one first only perceives the plastic prominent letters of the word LOVE, which are due to the sweet color rose uniformly coalesced with the background. After closer inspection, one realizes that the letters are formed out of reams of toy-soldiers and tanks. The stand in file, are forced into orderly formations and are covered by color, like a unified sauce, so that the protagonists stay nameless and they are not granted any individuality.  At the same time the color alludes to the vulnerable human skin, and lets the soldiers become flesh and blood again. The color rose which is created by a mixture of red, which symbolizes blood, and white, which typifies pureness. The work of art expresses subtle, that seemingly unsolvable differences change, that they can emerge from within, that out of love a battlefield can develop and out of a battlefield love.

Also the currency HONEY invented by Eberstaller contrasts opposites. It illustrates, that money has on one side a peaceful and on the other a destructible outcome, depending on how it is used. On the front side of each bill appears a baroque castle in a park (Krasków in Poland), a sunny idyll, which typifies wealth and peace as consequence for meaningful spent money. On the contrary the backside is adorned by allegorical depictions of the seven deadly sins – Acedia, Luxuria, Gula, Invidia, Avaritia, Ira and Superbia. Eberstaller relies in these pictures on his diverse knowledge of the compositions of old masters like Hieronymus Bosch or Marcantonio Raimondi, which he not seldom alienates with a subtle undertone. Furthermore the artist also uses photographs, which detain current events like the measurement of radioactive contamination of children after the reactor catastrophe in Fukushima. The pictures are flanked by animals which according to medieval tradition symbolize the respective deadly sin. Next to them are logos of big international enterprises like Smith & Wesson or the IAEA (International Atomic Energy Agency), which show the negative effects these industries have, on the social life and the environment and how they ultimately develop hate and dissensions. Furthermore the serial number on the right edge of the banknote disguises the exact dates of all wars, which with the beginning of WW2, have had the most devastating outcomes. The inscription “Worthless unless transformed” recalls, that the existence of money has by its own no consequences, but only, when it is used does it demand its monetary value. This conversion can have an expedient or condemnable outcome, which is brought to mind intrinsically by these pictures. Like the proverb says, there are two sides to every coin. The allegoric pictures provide, with a plentitude of stimulations, the chance to reflect further over the aftermath of money, which in itself is worthless and yet has such an enduring effect, in which it influences the whole course of ones life.

Achim Gnann PhD curated et al. the MICHELANGELO exhibit 2010 in the Albertina Vienna.

 

Castor & Pollux (D)

Sept. 2011: Matthias Planitzer von Castor & Pollux - Contemporary Art Blog Berlin (D) berichtet ausführlich über Eberstallers Beitrag zu THE END OF THE DREAM in der Berliner Alten Tresorfabrik (Mica Moca).

DAS ENDE ALLEN LUXUS  english version upon request

Wenn man es mit Nikolaus Eberstaller nimmt, dann ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt für politische und sozialkritische Kunst. Wir befänden uns jetzt auf dem Weg von einer Krise in die nächste, so argumentiert der Wiener Künstler, der mit mehr als dreißig Kollegen dieser Tage bei Mica Moca in einer Ausstellung zu eben jener zentralen Frage vertreten ist: Welche Rolle spielt die Kunst in einer Zeit, die durch Finanzkrisen, Atomunfälle, Wetterextreme und die allgemeine Erderwärmung geprägt ist?

Wenn man den Blick auf vergangene Jahrzehnte und Jahrhunderte richtet, wird man erkennen, daß die Kunst die Ereignisse häufig vorweg nahm. Diese Einsicht erschließt sich so deutlich freilich nur aus einer solchen Retrospektive, dennoch muss die Frage gestellt werden, ob die Kunst in der Gegenwart diese Rolle weiterhin ausfüllen kann. Angesichts der Ökonomisierung des Kunstmarktes und der Relativierung des Künstlerideals vom unabhängigen Chronisten und Kommentator scheinen Zweifel daran nicht unbegründet.

Das vierköpfige Kuratorenteam um Nicole Loeser von Whiteconcepts hat sich diesem Thema angenommen und nach Antworten in der Kunst selbst gesucht. Daraus entstanden ist die Ausstellung „The end of the dream (comes too soon)“ , die für kurze Zeit im Weddinger Kulturhaus Mica Moca ihr Lager bezogen hat. Zwar findet heute Abend nach nur drei Ausstellungstagen die Finissage statt, trotzdem war die Schau eine nähere Betrachtung wert.

Bereits der erste Ausstellungsraum im weitläufigen Werkstattgebäude spricht Klartext: Es bleibt keine Zeit für Phantastereien, die Krise ist längst da. Maßgeblich für diese resolute Linie ist Nikolaus Eberstaller, der hier mit drei Arbeiten vertreten ist. So gibt etwa „Aschegeld“ ASHES einen Ausschnitt aus einem bereits längeren Projekt wieder, für das Eberstaller in den Städten Österreichs und Osteuropas eigens angefertigtes Papiergeld unter die Leute bringt. Abgebildet sind sieben Krisen und Katastrophen der Gegenwart, vereint mit jeweils einer ikonisch aufgeladenen Weltmarke und der entsprechenden Todsünde. Die HONEY-Banknoten werden wie Flugzettel verbreitet und hätten schon häufiger zu unerwarteten Reaktionen geführt. So wurden sie bereits als eine mit finanziellem Wert behaftete Währung angesehen, für die Luxusgüter erstanden werden könnten. Dagegen hielten v.a. Kinder die orangenen 20-Honey-Noten wegen des abgebildeten McDonald’s-Logos für wertvolle Burger-Coupons. In „The end of the dream (comes too soon)“ ist nicht nur eine Tafel mit allen Banknoten, sondern auch ein Aschekreis des verbrannten Geldes zu sehen. Wie ein Bannkreis umschließen einzelne und in Bündeln herumliegende Scheine einen großen Aschehaufen, der von der Finanzkrise und der Abstraktion des Wertverlustes erzählt. Einzig wer im Kreis selbst steht, so urteilt Eberstaller sarkastisch, sei vor der Macht des Geldes gefeit. Was hätte man dort auch noch zu verlieren?

Dem gegenüber steht ein ideeller Verlust, der dem ROTEN CHERUB widerfuhr. Der gefallene Engel liegt nur wenige Meter weiter am Boden, den Blick fürchtend zum Himmel erhoben, als sei sein Sturz noch immer nicht beendet. Der Aufprall der feuerroten und ihrer Flügel beraubten Putte ist nicht abzusehen und so ist sie zum Fallen verdammt. Als Wächter des Paradieses kam dem Cheruben eine denkbar einfache Aufgabe zu, die – wenn man Eberstaller folgt – auf den Erhalt einer autokratischen Einklassengesellschaft gerichtet ist, die der Arbeitslosigkeit und dem Hedonismus fröhnt. Doch auch ohne diese zynisch überspitzte Darlegung lässt sich die Verbannung aus dem Paradies nicht von der Hand weisen und so steht der gefallene Engel für eine leicht beseelte Gesellschaft, der die Flügel gestutzt wurden. Nikolaus Eberstaller fand die Vorlage für seinen „Roten Cherub“ in einem Antiquariat: Eine mutmaßlich der Kriegszerstörungen zum Opfer gefallene Kanzelputte bildete die Grundlage für sieben Bronzeabgüsse, die später in einer polnischen Autolackiererei ihre satte Farbe erhielten. Eberstaller spielt an dieser Stelle mit der alt-testamentalischen Auslegung der Erde als Verbannungsort des Teufels, aber auch mit einer Passage aus Ezechiel, in der ein Cherub wegen seiner Hochmut gefällt wird. So ist der Engel, kaum auf Erden angekommen, bereits der irdischen Realität aus Krisen und Zerwürfnissen ausgesetzt gewesen, noch ehe er den Weg in den Ausstellungsraum fand.

 

Kunst Magazin (D)

Sept. 2011
Julia Schmitz vom Kunst Magazin (D) berichtet über Eberstallers BATTLEFIELD in Wort und Bild:
zum Originalbeitrag: Öffnet externen Link in neuem Fensterkunst-magazin.de

 

Mag. Katja Gnann (D, A)

2010
Katja Gnann (Kunsthistorikerin, Journalistin Falstaff und Cigar Cult Journal) portraitiert die Eberstallers in dem renommierten Wein- und Gourmetmagazin FALSTAFF.

SPRACHAKROBAT UND DESIGNGENIE english version upon request

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Was hat Wind mit Wein zu tun, und was hat eine Kuh auf dem Flaschenetikett eines Winzers verloren? Die Antwort liegt in der Person Nikolaus Eberstallers – Künstler, Designer und Etikettengestalter für ganz besondere Weine.Vielleicht ist es Niki Eberstallers »Lieblingsweinetikett«, das am besten erklärt, warum man mit gutem Gewissen sagen kann, Eberstallers Grafik- Kunst bringe frischen Wind in die Szene der großen österreichischen Weinmacher. Denn kein anderes Label kann die Vorgeschichte zwischen Winzer als Auftraggeber und Grafiker als Ausführender besser erzählen als das weiße Etikett mit dem schlichten, zartsilbrigen Schriftzug »Claus«. Es ist ein »Corporate Design« und schlussendlich im wahrsten Sinne des Wortes eine »Identity«, die viel Mut erfordert, sowohl vom Aufraggeber, als auch vom Gestalter. Die Entstehungsgeschichte trug sich nämlich wie folgt zu: Ein sehr junger Claus Preisinger stürmte vor etwa acht Jahren ins Eberstallersche Atelier in Gols mit den Worten: »Ich bin der Claus Preisinger, ich mach’ außergewöhnliche Weine, ich will ein außergewöhnliches Etikett!« Ein Jahr dauerte die Phase des Kennenlernens, Überlegens und des »Rumblödelns« bis herauskam, was der junge Winzer damals war: Ein unbeschriebenes Blatt, das tolle Weine erzeugt. Längst sind der Künstler und der Weinmacher Freunde und längst ist Preisinger kein unbeschriebenes Blatt mehr: Er ist ganz vorne unter Österreichs Rotweinwinzern und trug schon mehrere Falstaff-Siege (Cuvée-Sortensieger 2002, Zweigelt-Sortensieger 2006) nach Hause. Dennoch hat das schlichte Preisinger- Design seine Gültigkeit behalten. »Es drückt seine Ruhe, seine Coolness aus; er konzentriert sich nur auf das Produkt, seine Etiketten visualisieren diese Kompromisslosigkeit knapp und dadurch deutlich«, räsoniert Niki Eberstaller. Der Golser Künstler ist ein Glücksfall für seine Auftraggeber: Er vereint mehrere Eigenschaften, die letztendlich Voraussetzung dafür sind, dass ganz individuelle, auf den Wein und Winzer zugeschnittene Entwürfe entstehen. Er ist erklärter Genießer, liebt und schätzt die guten Weine aus seiner Region; vor allem ist er jedoch ein ausgezeichneter Handwerker, was Grafik anbelangt. Dabei verfügt er über Wortwitz und einen ausgeprägten sprachlichen Instinkt, was in einer genialen grafisch-textlichen Umsetzung mündet. Nicht genug: Da er sich als Künstler bereits ausreichend »selbst verwirklichen« kann, muss sein Design für Kunden diese Aufgabe nicht mehr erfüllen. »Wir gehen darauf ein, was die Winzer an Charisma mitbringen«, beschreibt Barbara Eberstaller den Entstehungsprozess der Weinetiketten. Kein, wirklich kein Etikett gleicht dem anderen, der gemeinsame Nenner ist der: Sie sind ganz individuell auf den Winzer und seinen Wein zugeschnitten. Eine der zuletzt kreierten Etiketten von Niki Eberstaller entstand unlängst für Hans Schwarz. Das Etikett gibt es in zweifacher Ausführung, ihm liegt keine grafische Arbeit zugrunde, sondern zwei große Gemälde (150 x 120 cm), die – in Kleinformat – auf den Flaschen die Weinliebhaber erfreuen. Die Idee des Winzers war, einen Wein speziell der tiefen Freundschaft zu widmen, daher auch der burgenländische Name »Kumarod« – Kamerad. Auch hier wollte Niki Eberstaller dem Wein, seiner Geschichte und dem Winzer gerecht werden. Kein leichter Job: Hans Schwarz zählt wohl zu den charismatischten Winzern der Region, ist gleichzeitig Urgestein der Gegend und hat zwar, so der Künstler, »optisch die Ausstrahlung eines Bergmassivs, ist aber ein sehr feinfühliger Mensch«. So ist es fast zwingend, dass ein so erdig-sinnlich-sensibler Auftrag in der Umsetzung durch ein Gemälde realisiert wird und nicht durch Grafik. Das Gemälde zeigt drei ältere Männer, wie man sie früher oft am Dorfplatz sitzen sah. Drei abgeklärte Kameraden eben, in entspanntem, stillschweigendem und harmonischem Beisammensein. Sie bilden eine Einheit, und doch empfindet man jeden einzelnen als Individuum mit starker Persönlichkeit. Man kann viel in dieses Bild hineininterpretieren: Die Harmonie der Cuvée, wo jede der Rebsorten für sich steht und die in der Gemeinschaft ein perfektes Zusammenspiel ergeben, zum Beispiel. Für die weiße Cuvée-Variante hat Eberstaller nochmals drei »Kumaroden« gemalt, farblich in der Umkehrvariante, quasi als »Negativ«. »Er hat die Geschichte dieses Weines wirklich optimal umgesetzt!«, bestätigt ihm Hans Schwarz.

Auch zu den Etiketten mit Kühen gibt es eine ganz eigene Geschichte: Sie wurden für den biodynamisch geführten Hof »Meinklang« gemalt – auch hier liegen wiederum Eberstallers Gemälde zugrunde, die im Besitz der Auftraggeber sind. Die Kuh auf dem Etikett spiegelt die Ausrichtung von »Meinklang«-Landwirtschaft wider: ein natürlich geschlossener Nährstoffkreislauf, möglichst auch beim Wein. Da der Mist der Tiere, allen voran der vielen Rinder, als Düngemittel verwendet wird und damit Ausgangspunkt und Lebenselixier der Reben ist, wurde der Kuh auf dem Weinetikett ein Denkmal gesetzt. Wiederum beweist Niki Eberstaller hier ein großes Einfühlungsermögen für die Philosophie der Meinklang-Leute und zeigt dies in seiner Umsetzung. Eberstaller designt auch Etiketten für Weine, die niemals in den Verkauf kommen – da tobt er sich dann richtig aus und benutzt Elemente, die für ein Produkt, das speziell durch die Aufmachung Abnehmer finden soll, zu »gefährlich« wären. Für seinen Schweizer Freund Mike Muff gestaltete er drei verschiedene Etiketten, zweien davon liegen alte Lithografien zu Grunde, eine davon war ursprünglich eine Radierung. Diese drei Grafiken kolorierte er und fügte neue Elemente dazu. So treiben auf dem Etikett des Nebbiolo 2006 nicht nur Schwimmpolypen, sondern – als umweltpolitische Unkorrektheit – auch eine zerknautschte Coladose. Neben Etiketten gestaltet der Golser auch Gesamtbroschüren über einzelne Winzer. Wer sich einen dünnen Flyer vorstellt, liegt falsch: Wer bei Eberstaller eine Imagebroschüre in Auftrag gibt, erhält ein Minibuch, ein kleines Kunstwerk, eine Freude für Auge und Geist. Denn hier kommen Eberstallers Wortwitz und Sprachgefühl zur vollen Entfaltung. Das Booklet »Geschmackssache« über Hans und Andreas Gsellmann ist so ein Beispiel. Wem das Buch in die Hand fällt, ohne Wein und Winzer zu kennen, der möchte den Wein unverzüglich trinken und die beiden Macher sofort kennen lernen. Jede einzelne Seite ist ein kleines Kunstwerk für sich, gespickt mit guten Gedanken, sinnigen Interviews, unterlegt mit aussagekräftigen Fotografien. Das Image-Booklet über Gerhard Markowitsch ist – ganz nach Eberstallerscher Philosophie – wieder ganz anders gestaltet, aber auch hier transportiert das Heft viel von der Ausrichtung des Weingutes und dem Charakter der Weine. Auch hier will man die Menschen und die dazugehörigen Weine kennenlernen. Es wäre falsch, nur von Niki Eberstaller zu sprechen, es ist vielmehr eine »Eberstaller-Werkstatt«. Denn: Im Hintergrund koordi- niert Barbara Eberstaller alle Termine und Aufträge mit Herz, Umsicht und Organisationstalent. Sie weiß außerdem genau, was ihren Mann inspiriert – auf ihre sanfte und zurückhaltende Art leitet sie ihn zu diesen Inspirationsquellen. »Sie ist an allen meinen Arbeiten beteiligt, ohne sie wäre ich ziemlich alleine. Gegen Barbara ist eine klassische Muse ein Pausenclown«, erzählt uns der Künstler. Nur so erklärt sich, wie die Eberstallers neben den Etiketten und Bookletarbeiten auch Großaufträge bewältigen können – eben im perfekten Teamwork. Einer dieser Großaufträge war die Deckengestaltung und das Corporate Design für die MOLE WEST in Kooperation mit den Architekten Halbritter & Hillerbrand. Nicht weniger als 300 m2 Deckenfläche der Mole West in Neusiedl designed by Eberstaller. Nicht weniger als 300 m2 weiße leere Deckenfläche des Flachbaues waren zu gestalten – die Lösung nennt sich »Nordlicht«. Eberstaller fotografierte Milch, die sich mit Tee vermischt – also ein rotbraun-weiß-cremefarbenes Farbenspiel – in verschiedenen Phasen; warme Farben entstanden und darin organische, sich windende Formen. Diese Kombination wurde im Riesenformat auf Folie reproduziert und an die Decke der Mole West gespannt – ein enormer Wohlfühleffekt im stylischen In-Lokal! Die Steigerung zur Raumgestaltung der Mole West mündete in Architekturentwürfen des Künstlerduos Eberstaller & Gamperl: Außen- und Innenarchitektur für Schloss Krasków in Polen, eines der schönsten Schlosshotels in Europa, wo Eberstaller für längere Perioden immer wieder lebt und arbeitet. Die Ansprüche, die sich Eberstaller selbst an dieses Architekturprojekt stellt, sind hoch. Er muss den Neubau an das Schloss eines Meisterarchitekten des 18. Jahrhunderts anpassen: kein Geringerer als Joseph Emanuel Fischer von Erlach der Jüngere war der Erbauer. Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné, einer der bekanntesten Landschaftsplaner seiner Zeit, gestaltete den Schlosspark. In diese Struktur soll durch den Neubau möglichst sanft ein- gegriffen werden. Das Neue muss sich dem Alten anpassen, dabei aber ausdrücken, was der Künstler an diesem geschichtsträchtigen Ort – er ist seit 3000 Jahren besiedelt – empfindet: ein Ort, der kontinuierlich an Kraft gewinnt. Auch wenn Zerstörung und Krieg wüteten – der Platz wurde als Siedlungsstätte niemals aufgegeben, er wurde immer wieder aufgebaut. Gemeinsam mit Thomas Gamperl, Besitzer von Schloss Krasków, hat Eberstaller ein künstlerisches Konzept entworfen, das die Geschichte dieses magischen Ortes weiterentwickelt und in die Zukunft trägt. Der Neubau wird Spa-Bereich, Schwimmbäder, aber auch Hotelzimmer, Rezeption und Konferenzräume enthalten. Die Gestalter nehmen auf die Allegorien des Schlossportals Bezug, interpretieren sie zeitgenössisch, verarbeiten aber auch die vier Naturelemente Wasser, Feuer, Luft und Erde für den Spa-Bereich. Gleichzeitig werden auch Himmelskonstellationen und Planeten in die Raumkonzeptionen integriert – ein sinnlich-zauberhaftes Gesamtkunstwerk entsteht in Krasków.
Doch zurück an den Neusiedler See: Etwas bodenständiger ist das aktuelle Projekt der Eberstallers. Sie tragen wesentlich zur Gestaltung des Hafenviertels in Neusiedl bei. Logos, Naming, Kunst am Bau – die gesamte künstlerische Kommunikation – trägt die Handschrift Niki Eberstallers. Das Viertel wurde neu gestaltet – von Menschen, die dort leben, den See lieben und sich intensiv mit dem Thema Wasser auseinandergesetzt haben. Das Resultat ist faszinierend: ein schwimmendes Boot – die »Bootschaft« – bildet das Herzstück und den Infopoint für das neue Viertel. Um die »Bootschaft« gruppieren sich Appartements und ein Hotel mit Restaurants auch hier hält in Neusiedl frischer Wind Einzug. Wenn Sie frischen Wind für Ihr Seelenleben brauchen – fahren Sie nach Gols, vorbei an den riesigen Windrädern, lassen Sie den Neusiedler See rechts liegen, halten Sie an der Hauptstraße 44 an und betrachten Sie Werke von Nikolaus Eberstaller. Seine Arbeit als Künstler ist ebenso spannend, vielschichtig und witzig wie sein Werk als Designer – und sie bringt frischen Wind in Ihre Weltsicht.

 

Dr. Silvia Freimann, Kunsthistorikerin und Kuratorin (D, A)

2009
Anlässlich der Ausstellung in der Galerie Haberkasten in Mühldorf am Inn (D) 2009 schrieb die Kunstkuratorin Dr. Silvia Freimann die Einleitung im Ausstellungskatalog:

DIE AUTONOMIE DES  BLICKES english version upon request

Wenn Nikolaus Eberstaller feststellt: „Ich verhülle meine Werke nicht, ich enthülle sie nur nicht“, verdeutlicht diese Aussage ein Anliegen, ja, einen manchmal eindringlich im Verlauf eines Gespräches geäußerten Wunsch vieler Künstler. Man möge ihren Werken doch deren Geheimnis lassen, sie nicht überinterpretieren und damit ihres Zaubers berauben. Demnach werde ich, trotz meiner offensichtlichen Begeisterung über die Arbeiten, mein Möglichstes tun um dem nachzukommen und somit den Werken sowie der Phantasie des Betrachters genügend Raum zu geben. Erstmals präsentiert der Künstler im Mühldorfer Haberkasten einen Überblick über die Arbeiten, die im Laufe der Jahre entstanden sind. Dabei kristallisieren sich zwei Schwerpunkte heraus, nämlich die Auseinandersetzung mit sich selbst sowie die aufmerksame Beobachtung seiner Umwelt. Mit Körperbildern, deren Aussagekraft bis an die eigene Schmerzgrenze und auch die des Betrachters gehen kann, steht der Künstler in der Tradition von Österreichern, die vom Barock mit den bizarr grimassierenden Selbstbildnissen Franz Xaver Messerschmidts, den Aktionisten der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts bis Elke Krystufeks Körperinszenierungen der Gegenwart reicht. Expressivität und genussvoll ausgelebter Exhibitionismus drückt die frühe Bilder-Serie Triebkraft (2001) aus.

Verglichen mit Egon Schieles Selbstbildnissen, kann man Eberstallers Arbeiten eine Theatralik ähnlich jener des großen Expressionisten nicht absprechen. Sein Temperament scheint ungebremst: es sind Posen voll unbändiger Energie und erotischer Kraft, die den Betrachter einnehmen. Später folgen Bilder, die verhaltener sind und eine Wende im Leben des Künstlers ankündigen. Aus der Serie Shit (2004) stammen Innere Hülle sowie Aus. Pause. Im zuerst genannten Werk ist das sparsam entworfene Fragment eines Körpers zu sehen, das sich aus miteinander verwobenen Linien formt. Wie Fäden eines Wollpullovers, der sich in Auflösung befindet, suggerieren sie vage eine Gestalt. Blutrot hängen diese Körperfäden an einem gekreuzten Gestänge, das Assoziationen zum menschlichen Knochengerüst und das christliche Thema der Kreuzigung auslöst. Knospenartige Gebilde verdichten sich im Kopfbereich. Ab Brustkorb- Höhe lockern sich die Lebensfäden. Sie bilden hier kein zusammenhängendes Gewebe mehr, das durch Farbe und Spannung lebendig wirkt, sondern vielmehr kraftlos herabhängende Schnüre, die im Nichts enden. Drastischer noch als die beschriebene Innere Hülle ist die Aussagekraft von Aus.Pause.. Es ist ein stilles Bild, das Eberstaller unvollendet stehenließ, als es nichts mehr zu sagen, geschweige denn zu malen gab. Eine schwere körperliche Erkrankung bildet kurz nach Entstehen der beschriebenen Werke eine Zäsur im Schaffen und Leben Nikolaus Eberstallers. Die Genesung schreitet qualvoll langsam voran. Als natürliche Reaktion erscheint die Intensivierung der Selbstbeobachtung. Und vor allem: die Erkenntnis der Endlichkeit und Verletzlichkeit des ehemals intakten Körpers stellt nun nicht nur das eigene Leben in Frage sondern schärft auch die Sicht des Künstlers auf unsere Gesellschaft. Das absurde Schönheitsideal des Westens verkörpert am deutlichsten die Barbie-Puppe (Mode und Torheit), Spielgefährtin und Identifikationsobjekt von Generationen von Kindern. Im Rollenspiel mit diesem Kunststoffobjekt haben sich wohl etliche von uns Mädchen verglichen und natürlich immer das Nachsehen gehabt, denn wer kann schon mit diesen unglaublichen Proportionen mithalten?

Ohne den Betrachter zu schonen, exponiert sich Nikolaus Eberstaller in Arbeiten wie The Real Life Collection 1 - 50 % off (2005). Er ist nackt, ein angegriffener Mensch, der mit seiner Haltung die starre Konstruktion der Puppe imitiert. Die Wirklichkeit seiner Krankheit hat die Illusion von ewiger Schönheit, Eberstaller würde es „Oberfläche“ nennen, eingeholt. Barbie, die künstlich schöne Projektionsfläche unserer Eitelkeiten steht neben Niki, der sich zum Abverkauf anbietet. Sein einstmals unversehrter Körper hat seinen Marktwert verloren, die Vorstellung von immerwährender Gesundheit ist dahin. Niki-Barbie weint – die „Unterfläche“ (Wortlaut Eberstaller) verdrängt den schönen Schein.

Es ist harte Kost, mit der der Künstler uns in Folge konfrontiert: die Symptome seiner Krankheit verkehrt er ins Monströse; es entstehen mit Bronzearbeiten wie Nackter Mensch I (2005) sowie Werken in Mischtechnik wie 18 Brustbilder (2005-2007) makaber anmutende Darstellungen von Menschen, deren ins Riesenhafte aufgeblähte Bäuche sich auf stelzenhaften Beinen kaum halten können. Das Schloss Krasków Bekenntnis (2005) ist ein Totentanz des Künstlers mit Freunden, allesamt sind sie nackt und ihre Körper deformiert. Tröstlich schwingt mit, dass Eberstaller nicht allein ist, sie alle leiden mit ihm. Der Hang Nikolaus Eberstallers zum Skurillen steigert sich in einigen Arbeiten ins Dadaistische. In Bildern der Werkgruppe Best of menue verschmilzt Gourmet Eberstaller sozusagen mit dem Objekt seiner Begierde, der Speise; er begegnet dem Betrachter im Suppenteller (Ich als Suppe, 2007), aus dem in Schaum umgewandelten Lebensmittel der Molekularküche (Ich als Molekularküche, 2007) ragt seine Nasenspitze heraus, eine cremige Masse (Ich als Créme brülle - moi comme une crème brûlée, 2007) bedeckt das enthusiastisch verzerrte Gesicht.

Dem offensiven Umgang mit der Krankheit und deren künstlerischen Sublimierung folgt ein Neubeginn. Da der alte Nikolaus Eberstaller nicht mehr existiert, erschafft er sich in The Real Life Collection 2 - I create myself new, 2007) einfach neu. Er ist ein moderner Pygmalion, der sein Ich im Atelier erstehen lässt. Was zu seiner zukünftigen Identität gehören soll, darf im unmittelbaren Umfeld des Malers nicht fehlen: dazu gehören Farbtöpfe an der rechten Atelierwand, die Malerhose und ein Fußboden, der Arbeitsspuren aufweist. Dicht hinter dem Geschöpf Pygmalions befindet sich als nicht unbedeutender Gegenstand ein Pferd, das für die zweite künstlerische und menschliche Heimat, Schloss Krasków in Polen steht. 2001 treffen Eberstaller und seine Frau Barbara nicht „unzufällig“ (Eberstaller) auf Thomas Gamperl, Schlossbesitzer und Fundator der Kunststiftung Forum Schloss Krasków. Zwei Jahre danach erhält er ein Stipendium der Stiftung Forum Schloss Krasków; die große Veranstaltungshalle wird zu seinem Arbeitsraum. Zu den aktuellsten Ergebnissen dieser fruchtbaren österreichisch-polnischen Zusammenarbeit zählt eine ungewöhnliche künstlerische Auseinandersetzung. 2008 reagiert Nikolaus Eberstaller auf Bilder Michał Gorstkin Wywiórskis (1861-1926), einem der bedeutendsten polnischen Maler des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Als Motive bevorzugt der Pole impressionistische Landschafts- und Wolkenstudien; er versenkt sich in den Charme einfacher Landhäuschen oder Details einer Waldlichtung. Seine Beobachtungen setzt Wywiórski gekonnt in Bilder voller Licht und Farbe um.